Lesung von Götz Aly im Städtischen Gymnasium

Aus einem Volk wird eine Verbrechensgemeinschaft.

„Ich bin vom Erfolg des Buches überrascht“, stellte Götz Aly am Dienstag zu Beginn seines Vortrags in der Aula des Städtischen Gymnasiums fest. Mit Blick auf sein Alter – Aly ist Jahrgang 1947 – meinte er selbstironisch, dass es sich um sein Alterswerk handle, das deshalb so umfangreich ausgefallen sei. Der Grundsatz, dass ein Buch so kompakt sein muss, dass man es auf einer Zugfahrt lesen kann, könne für das Werk „Wie konnte es geschehen?“ nicht gelten, hatte Tobias Meemann nach der Begrüßung durch Schulleiterin Petra Weides ausgeführt. In seinem Vortrag konfrontierte Götz Aly die knapp 200 Besucherinnen und Besucher mit der These, dass der Antisemitismus bereits im Deutschen Kaiserreich weitverbreitet gewesen sei. Aly zitierte Dichter und Historiker wie Ernst-Moritz Arndt oder August Heinrich von Fallersleben, deren Eintreten für Freiheit sie nicht abgehalten habe, sich antisemitisch zu äußern.

»Ich bin vom Erfolg des Buches überrascht«

Eine der Ursachen für Antisemitismus sieht Aly in der großen Bildungsbereitschaft der jüdischen Bevölkerung. Weil sie vom Berufsbeamtentum und Militär ausgeschlossen war, hätten sich viele freien Berufen zugewandt, nicht wenige seien als Unternehmer tätig geworden.

„Es liegt nicht an den Genen“, betonte Götz Aly, dass deutlich mehr Kinder jüdischer Eltern einen höheren Berufsabschluss angestrebt und studiert hätten als Kinder in katholischen oder protestantischen Familien. Aufgrund des großen Bevölkerungswachstums zwischen 1900 und 1915, bedingt durch medizinischen Fortschritt und verbesserte Hygiene, sei im Kaiserreich eine junge Generation herangewachsen, deren Aufstiegshoffnungen spätestens durch die Weltwirtschaftskrise 1929 jäh beendet worden seien. Die Verelendung weiter Bevölkerungskreise hätten die Nationalsozialisten propagandistisch für sich genutzt und nach der Machtergreifung am 30. Januar 1933 umgehend damit begonnen, Zwangseintreibungen von Mieten oder Zwangsversteigerungen von Häusern auszusetzen. Die Nazis in Führungspositionen seien durchweg sehr jung gewesen, Hermann Göring mit 40 der älteste.

Danach schwenkte Götz Aly auf die Haltung der beiden Kirchen zum NS-Staat über und zitierte mehrfach den späteren evangelischen Landesbischof von Berlin und späteren EKD-Ratsvorsitzenden Otto Dibelius, der den Machtantritt Hitlers begrüßte und den Boykott jüdischer Geschäfte ausdrücklich rechtfertigte. Zu seiner Ehrenrettung soll hinzugefügt werden, dass er sich bereits 1934 der Bekennenden Kirche zuwandte und später auch Kontakte zum Kreis der Widerstandskämpfer des 20. Juli pflegte.

Während Protestanten zu einem beträchtlichen Teil bei den letzten Reichstagswahlen für Hitler gestimmt hätten, sei die Zustimmung in katholischen Regionen auffallend gering gewesen. Den katholischen Klerus habe sich der NS-Machtapparat durch reihenweise aufgedeckte Missbrauchsverfahren von Geistlichen gefügig gemacht. Indem die Nationalsozialisten ihre gegen Juden gerichtete Politik immer öffentlich und nach dem Überfall auf die Sowjetunion Wehrmachtssoldaten und Wachmannschaften in den Gefangenen- und Konzentrationslagern zu Mitwissern ihrer Tötungsmaschinerie gemacht hätten, sei aus der Volksgemeinschaft eine Verbrechensgemeinschaft geworden, die sich nicht auflehnte, weil sie befürchten musste, für das millionenfache Unrecht in Verantwortung genommen zu werden.

Als bittere Bilanz blieb an diesem Abend: „Es kann wieder geschehen.“

Artikel von Dierk Hartleb (Ahlener Zeitung / Glocke)

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